Elektronik ist die Kategorie, die alle wollen. Hoher Stückwert, bekannte Marken, schneller Weiterverkauf. Sie ist zugleich die schwierigste Kategorie im gesamten Postenhandel. Ein Gerät ohne Netzteil, ein Smartphone, das noch mit einem fremden Konto verknüpft ist, ein im Lager tiefentladener Akku - und aus Ware wird Kostenstelle. Dieser Text sammelt, was vor der Überweisung geklärt sein sollte.
Warum Elektronik eigenen Regeln folgt
Bei Kleidung oder Haushaltswaren ist die Zustandsbeurteilung überwiegend eine Sichtprüfung. Bei Elektronik nicht: Das Gerät muss laufen, bevor man überhaupt etwas darüber weiß. Das verschiebt das Risiko auf den Käufer und verlängert die Bearbeitung eines Postens erheblich. Dazu kommen drei Punkte, die es sonst nirgends gibt: Daten und Kontosperren des Vorbesitzers, Lithium-Akkus samt ihren Transportvorgaben sowie die Pflichten, die beim Inverkehrbringen von Elektrogeräten entstehen.
Die praktische Konsequenz: Der Palettenpreis ist bei Elektronik nie der ganze Preis. Ein Teil der Kosten ist die Zeit, die das Prüfen jeder Einheit verschlingt.
„A-Ware“ ist keine Norm
Kaum ein Begriff wird in dieser Kategorie häufiger gesucht - und es gibt keine branchenweit verbindliche Definition dafür. Der eine Anbieter meint fabrikneue Ware, der zweite ungeöffnete Retouren mit intakter Folie, der dritte gebrauchte Geräte ohne sichtbare Kratzer. Alle drei Angebote sehen in der Überschrift gleich aus und beschreiben grundverschiedene Ware.
Fragen Sie deshalb nicht nach der Klasse. Lassen Sie sich den Zustand in eigenen Sätzen des Verkäufers beschreiben: Wurden die Geräte eingeschaltet, sind die Kartons original und verschweißt, ist das Zubehör vollständig, hat schon jemand den Posten durchsucht. Eine schriftliche Antwort ist mehr wert als jeder Buchstabe im Inserat.
Was Sie vor der Zahlung prüfen sollten
- Zustand in Sätzen statt als Klassenkürzel - getrennt nach Neuware, ungeöffneter Retoure, geprüftem Gerät und Reparaturware
- Vollständigkeit - Netzteile, Kabel, Fernbedienungen, Halterungen, Originalverpackung und Anleitungen
- Steckerstandard und Netzspannung, wenn die Ware nicht vom Zielmarkt stammt
- Kontosperren und Verknüpfungen mit dem Vorbesitzer bei Smartphones, Tablets, Notebooks und Konsolen
- Zustand der Akkus und ob der Posten entsprechend den Vorgaben für Lithiumzellen transportiert wird
- CE-Kennzeichnung, Anleitung in der Sprache des Zielmarkts und Herstellerunterlagen
- Alter des Postens - Elektronik verliert schneller an Wert als jede andere Kategorie
- Das vereinbarte Vorgehen, wenn die Lieferung wesentlich von der Beschreibung abweicht
Garantie und Ihre eigene Haftung
Die Herstellergarantie läuft ab dem ersten Verkauf an den Endkunden und ist bei Ware aus dem zweiten Kreislauf oft angebrochen oder nicht mehr belegbar. Das entlastet Sie gegenüber Ihrem eigenen Kunden nicht. Verkaufen Sie an Verbraucher, haften Sie selbst dafür, dass die Ware vertragsgemäß ist - unabhängig davon, was der Hersteller noch anerkennt. Im B2B-Verkauf lässt sich das vertraglich deutlich freier regeln, setzt aber voraus, dass der Zustand der Ware im Vertrag ehrlich beschrieben ist.
Bei Elektronik kaufen Sie keine Geräte. Sie kaufen Geräte samt ihrer Vorgeschichte und samt der Haftung, die ihnen weiter folgt.
Pflichten, die mit der Ware übergehen
Für Elektro- und Elektronikgeräte gelten in der Europäischen Union eigene Vorgaben zum Umgang mit Altgeräten. Wer einen Posten aus einem anderen Land holt und im Inland in Verkehr bringt, kann selbst in die Rolle des Inverkehrbringers rutschen - mit Registrierungs- und Meldepflichten. Der Weiterverkauf von Ware, die bereits auf demselben Markt in Verkehr gebracht wurde, ist etwas anderes. Diese Unterscheidung entscheidet mitunter über die Wirtschaftlichkeit des gesamten Geschäfts, also klären Sie sie vor dem Kauf mit Ihrer Steuerberatung, nicht nach der Anlieferung.
Warnsignale
- Der Verkaufswert im Einzelhandel wird dem Postenpreis als Gewinnversprechen gegenübergestellt
- Eine Qualitätsklasse ohne einen einzigen erklärenden Satz
- Symbolbilder oder ausschließlich die folierte Palette ohne Aufnahme des Inhalts
- Keine Bereitschaft, die Ware besichtigen oder wenigstens stichprobenartig prüfen zu lassen
- Schweigen zum Zubehör - fehlendes Zubehör ist bei Elektronik immer ein Preisabschlag
- Zeitdruck in Kombination mit einer Zahlungsform, die sich nicht zurückholen lässt
Bevor Sie zusagen
Rechnen Sie nicht nur Postenpreis und Fracht. Rechnen Sie die Prüfzeit je Gerät, die Beschaffung fehlenden Zubehörs, die Reklamationsbearbeitung und die Stückzahl, die Sie in einem vernünftigen Zeitfenster realistisch absetzen. Elektronik kann die ertragreichste Kategorie in diesem Handel sein - vorausgesetzt, Sie steigen mit einer schriftlichen Postenbeschreibung ein und nicht mit Hoffnung.
